Film und erster Weltkrieg

13.01.2016

Über die ambivalente Rolle, Bedeutung und Funktion von Filmen in der Zeit des ersten Weltkriegs

Vor 100 Jahren tobte der erste Weltkrieg. Seit 2014 gibt es zahlreiche Projekte, welche die Geschichte des ersten Weltkrieges nachvollziehen und vor allem auch multimedial zugänglich machen. Dieser Krieg war der erste, in dem Filme eine große Rolle spielten – sei es als Dokumentation der Ereignisse oder als Propagandawerkzeuge. Das Jahr 1916 bildet innerhalb der vier Kriegsjahre einen Wendepunkt in der Rolle des Filmes, der 2016 Anlass gibt darüber zu reflektieren.

1916 befand sich Europa im zweiten Jahr des „großen Kriegs“. Von Beginn an spielte erstmals das Medium Film eine bedeutende Rolle, sowohl als Informationsquelle, als auch zu Propagandazwecken. Im Verlauf des Krieges änderte sich die Bedeutung und die Funktion des Mediums. Anlässlich der Gedenkjahre entstanden in den letzten Jahren zahlreiche Projekte und multimediale Plattformen, wie etwa das „Project 1914“ des „European Film Gateway“, welches faszinierende Einblicke in die Film- und Alltagsgeschichte in Zeiten des Krieges bietet.

Insgesamt ist sehr wenig Filmmaterial aus der Zeit des ersten Weltkriegs überhaupt erhalten. Zu dem „Projekt 1914“ stellten 21 Filmarchive aus 15 Ländern über 700 Stunden digitalisiertes Filmmaterial zur Verfügung. Durch das gemeinsame Portal ist es nun ein leichtes, über eine Suchmaske in verschiedenen Archiven gleichzeitig zu recherchieren. Dies bietet sowohl Historikern, als auch Filmschaffenden und interessierten Laien eine faszinierende Möglichkeit zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Aus Deutschland beteiligten sich das Bundesarchiv, die Deutsche Kinemathek und die Landesfilmsammlung Baden-Württemberg. Doch nicht nur Spiel- und Dokumentarfilme werden hier zusammengebracht; Fotos und Poster ergänzen die Sammlung. Damit entsteht ein facettenreiches, multi-perspektivisches Bild der Zeit.

 

Der erste Weltkrieg als Thema

Das Thema ist zurzeit nicht nur in der Geschichtswissenschaft allgegenwärtig. Für Medienwissenschaftler ist die Zeit des ersten Weltkriegs ebenfalls von besonderer Bedeutung. Der Gang ins Kino war für viele Menschen eine wichtige Informationsquelle. Durch die dort gezeigten Wochenschauen erhielten sie Neuigkeiten vom Kriegsverlauf und Geschehnissen an der Front. Allerdings kontrollierte die Oberste Heeresleitung die Produktion dieses Formates, wodurch die gezeigten Filme selbstverständlich einer Zensur unterlagen. Brutale Kriegsszenen oder realistische Darstellungen der Wirklichkeit in den Schützengräben bekam man hier nicht zu sehen. Vielmehr wurden Erfolgsgeschichten oder Feierlichkeiten gezeigt. Trotzdem hatten die gedrehten Filme vor allem der frühen Kriegsphase dokumentarischen Charakter.

Die fehlende Authentizität dieser von staatlich beauftragten Filmemachern gedrehten Aufnahmen wurde bereits von Zeitgenossen scharf kritisiert. So ist bei dem Blick über das moderne Schlachtfeld einfach gar nichts zu sehen, das Schwimmbad hinter der Front zeigt fröhlich plantschende Soldaten.[1] Diese Filme waren Teil der Kriegspropaganda, für die der Film mit seiner großen Reichweite von immenser Bedeutung war.

 

Die Filmsprache verändert sich

Im Laufe des Jahres 1916 und noch mehr 1917 begannen sich die Darstellungen im Film zu wandeln. Es wurde Kritik daran laut, dass eben keine authentische Berichterstattung erfolgt. Dabei wurde allerdings vor allem kritisiert, dass die Propaganda falsch eingesetzt wurde. Dem Film als moralische Waffe sollte mehr Bedeutung beigemessen werden. Kritiker forderten fiktionale Geschichten, welche die Moral der Daheimgebliebenen wie der Soldaten an der Front hoch halten sollten. Der dokumentarische, belehrende Charakter sollte in den Hintergrund treten und vielmehr das Unterhaltungsbedürfnis des Publikums befriedigt werden.

Auch strukturell war der deutsche Film im Wandel. Vor dem ersten Weltkrieg war die Filmbranche international. Durch den Krieg wurde die Entwicklung in Deutschland isoliert vom bis dahin dominierenden Frankreich. Insgesamt profitierte die Branche aber. Die Ufa wurde, ursprünglich auch zu Propagandazwecken, gegründet und vorher mächtige Konkurrenten spielten in den heimischen Kinos keine Rolle mehr. Neue Publikumsschichten gingen nun ins Kino um sich zu informieren. Diese Faktoren ebneten den Weg für die Hochzeit der deutschen Filmindustrie im und im Anschluss an den ersten Weltkrieg.

 

Film als Propaganda

Der Film entwickelte sich zu einem wichtigen Propagandainstrument. Unter der Kontrolle des Militärs zeigten die im Krieg und an der Front nur ausgewählte Szenen, die vor allem dazu dienten, den Eindruck des geordneten, erfolgreichen Vordringens der Truppen zu vermitteln. Damit sollte die Kriegsmoral erhalten und die Unterstützung der Bevölkerung für den Krieg gesteigert werden. Schließlich warb die Heeresleitung mit den Propagandafilmen auch für die Zeichnung von Kriegsanleihen, die für die Weiterfinanzierung des Krieges von großer Bedeutung waren.

Mit der Wandlung der Rolle des Films veränderte sich also auch die Sprache der Kriegspropaganda. In der zweiten Hälfte des Krieges wurden vermehrt Spielfilme gezeigt, welche die Fortführung des Krieges propagierten. Deutsche Soldaten wurden beispielsweise in einem Film über die Schlacht an der Somme („Bei unseren Helden an der Somme“, 1917) als fürsorgliche Besatzer dargestellt, die die Bevölkerung vor den kriegerischen französischen oder britischen Soldaten beschützen. Des Weiteren wurden Filme gezeigt, die den Krieg als persönliche Herausforderung zeigen und die, die sich ihr stellen als mutige und tapfere Kämpfer für eine ehrenvolle Sache.

Die Hoffnung war nun, auch nach der Gründung der Ufa, durch verdeckt propagandistische Spielfilme die Durchhaltemoral des Publikums aufrecht zu erhalten. Doch wie schon vorher fielen die nun produzierten Dramen und Komödien bei den Zuschauern meist durch. Allerdings läuteten diese Produktionen einen Boom des deutschen Films ein, der vor allem in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts eintreten sollte.

Die Rolle des Films als Ablenkung in Kriegszeiten und für die Unterhaltung der Soldaten an der Front ist trotz aller zeitgenössischen Kritik und anhaltender Diskussionen nicht zu unterschätzen.

Heute dienen Filme aus der Zeit des ersten Weltkriegs als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen und als Dokumentation des Krieges. Zum ersten Mal stand dieses Medium zu Propagandazwecken zur Verfügung. Die neuen Recherchemöglichkeiten zum ersten Weltkrieg bringen in Zukunft mit Sicherheit neue Erkenntnisse. Filme spielen dabei eine große Rolle, da sie nicht nur Einblicke in das gesellschaftliche Leben dieser Zeit, sondern auch in historische Ereignisse ermöglichen, welche ohne diese Dokumente und ihre Zugänglichmachung nicht rekonstruiert werden könnten.

 
c.
 

Zum Weiterstöbern

European Film Gateway: Projekt zum ersten Weltkrieg

Special der ARD zum Ersten Weltkrieg

Special des Deutschlandfunk

 

Im zweiten Teil geht es dann demnächst um die Darstellung des ersten Weltkrieges im Film und die Entwicklung vor und nach dem zweiten Weltkrieg.

[1] http://www.filmportal.de/video/messter-woche-nr-91915