Krimis

13.01.2016

Krimis im deutschen Fernsehen

 

Über Klischees, Stagnation und neue Chancen in der Film- und Fernsehproduktion

In den letzten Wochen konnten Krimi-Liebhaber ein breites Spektrum deutscher Produktionen im TV, jenseits des „Tatorts“, ansehen – und damit auch vergleichen. Die hier vorgestellten Filme sind derzeit noch in den Mediatheken von ARD und ZDF verfügbar. Verwendete Stereotypen und Ähnlichkeiten unter den Produktionen werfen Fragen nach der Vielseitigkeit und Experimentierfreudigkeit der deutschen Fernsehlandschaft auf. In der Medienbranche wird auch vor dem Hintergrund von erfolgreichen US-Serien und neuen Produzenten wie etwa Netflix viel über die Zukunft deutscher Filme und Serien diskutiert.

Der bekanntermaßen überfrachtete deutsche Krimimarkt – der aber auch nur dem internationalen Trend zur fast schon klassischen Kriminalgeschichte folgt – hat in den letzten Jahren verschiedenste Reihen, Figuren und Motive hervorgebracht. Manche spannend, andere rau oder auch komisch – für jeden Geschmack scheint etwas dabei zu sein.

 

Reiches Krimiangebot im deutschen Fernsehen

Da gibt es beispielsweise „Kommissarin Heller“ (ZDF, neuester Fall „Schattenriss“, ausgestrahlt am 21. November 2015), seit 2014 in Wiesbaden im Einsatz. Die toughe Kommissarin (Lisa Wagner) muss in den ersten Folgen (bisher gibt es insgesamt vier) noch das Koma ihrer Schwester verkraften. Außerdem gibt es einen schwelenden Konflikt mit ihren Eltern und Kommunikationsschwierigkeiten mit ihrem neuen Kollegen Hendrik Verhoeven (Hans-Jochen Wagner). Probleme, mit denen die junge Kommissarin alleine und verschlossen umgeht. In ihrem letzten Fall „Schattenriss“ bekommt sie es mit einer Geiselnahme nach einem Banküberfall zu tun. Die Folge ist äußerst spannend und wartet mit der einen oder anderen überraschenden Wendung auf.

Die Reihe „Stralsund“ (ZDF, bisher acht Folgen, neuester Fall „Der Anschlag“, ausgestrahlt am 28.12.2015) versammelt ein größeres Figurenensemble. Der neueste Fall „Der Anschlag“ überzeugt leider weniger als seine Vorgänger. Zu plump und klischeeüberladen wirkt die konstruierte Story. Jede Person in dem fünfköpfigen Team, mit Ausnahme des Chefs Gregor Meyer (Michael Rotschopf), scheint tiefgreifende, für den Zuschauer fast schon anstrengende psychologische Probleme zu haben. In dieser Folge kommen dazu noch relativ flach ausgearbeitete Charaktere. Das ambitionierte Thema wird nicht angemessen dargestellt. Dies ist umso bedauerlicher, da vorherige Folgen durch spannende und mutige Geschichten überzeugen konnten.

dasProgrammEin Highlight der letzten Wochen war aber vor allem der Thriller „Das Programm“ (ARD, Ausstrahlung am 11.01.2016). Nina Kunzendorf, die bis vor kurzem die Frankfurter „Tatort“-Kommissarin Conny Mey verkörperte, spielt in darin die LKA-Beamtin Ursula Thern, die mit kühler Professionalität Menschen im Zeugenschutzprogramm unterbringt. Gemeinsam mit ihrem Team (dargestellt von Alwara Höfels und Carlo Ljubek) schützt sie nun den Banker Simon Dreher (Benjamin Sadler) und dessen Familie vor dem Kriminellen Philip Darankow (Wladimir Tarasjanz). Die Überlänge des Films (etwa drei Stunden) merkt man kaum. Zu sehr fesselt die Geschichte, zu spannend ist die Jagd auf die Zeugen und das Rätseln über Schuldige, Mitwisser und Verräter. Der Zuschauer wird lange im Unklaren über Schuld oder Verrat gelassen, wodurch die Spannung auf einem konstant hohen Niveau bleibt.

 

Stereotype Figuren – festgefahrene Sehgewohnheiten

Betrachtet man die deutsche Krimilandschaft nicht nur anhand dieser Beispiele, fallen doch häufig bediente Stereotype und Rollenklischees ins Auge. Weibliche Kommissare sind in den meisten Fällen alleinstehend und haben oft persönliche Traumata zu überwinden. Neben den hier Vorgestellten reihen sich zum Beispiel auch die von Anna Loos dargestellte „Helen Dorn“ (ZDF) oder die „Tatort“-Figuren Lena Odenthal (Ludwigshafen) und Charlotte Lindholm (Hannover) ein. Keine von ihnen führt eine Beziehung, alle sind stark und selbstbestimmt, aber auch verletzlich. Männliche Kommissare findet man vor allem im „Tatort“, und auch sie haben oft mit einer schwierigen Vergangenheit zu kämpfen. Häufiger als ihre weiblichen Kollegen führen sie jedoch Beziehungen oder haben selten sogar Familie (Henning Verhoeven in „Kommissarin Heller“). Der Trend geht aber auch hier zu Scheidungsgeschichten (Sebastian Bootz im Stuttgarter „Tatort“, Sascha Bukow im „Polizeiruf 110“ aus Rostock) oder zu mehr oder weniger bewusst alleine lebenden, verschlossenen Einzelgängern (Torsten Lannert im „Tatort“ Stuttgart, die beiden Münchner „Tatort“-Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr oder der Dortmunder Peter Faber).

Ausnahmen von diesen Regeln fallen sofort ins Auge. Mutige Darstellungen, die entweder den Fokus mehr auf das Privatleben der Kommissare legen oder dieses ganz ausblenden, gibt es selten. Auch anders konstruierte Storylines oder experimentellere Produktionen sind im deutschen Fernsehen selten von Erfolg gekrönt. So wurde die intensive und zwiespältige Darstellung eines Ermittlerteams in der Serie „Kriminaldauerdienst“ (ZDF), obwohl von den Kritikern gelobt, nach drei Staffeln abgesetzt. In einem Interview mit der Taz äußerte sich Drehbuchautor Orkun Ertener am 12. Januar 2010 zum Ende der Serie folgendermaßen: „‚KDD‘ hat die Quotenerwartungen des ZDF für den Freitagabend einfach nicht erfüllt.“ Und weiter auf die Frage, warum „KDD“ im deutschen Fernsehen nicht funktionierte: „Zu komplex, zu schnell, zu verwirrend, zu düster, zu unmoralisch.“[1] „Die Krimireihe „Nachtschicht“ weicht ebenfalls in ihrer Struktur und Darstellung deutlich vom sonstigen Krimiallerlei ab, wird aber leider nur unregelmäßig gedreht.

 

Zukunftschancen für Experimente

Liegt es an den Sendern, die sich nicht trauen, von der Norm abweichende Projekte zu realisieren? Oder an den festgefahrenen Sehgewohnheiten der Zuschauer? Haben außergewöhnliche Ideen und Formate, wie sie in England oder den USA oft ausprobiert werden – und auch Erfolg haben –, in Deutschland einfach keine Chance?

Eine Entwicklung, die deutschen Krimi-Ideen, die im Fernsehen keine Erfolgsaussichten haben, neue Türen öffnen könnte, ist die Serienproduktion von Streaming-Anbietern wie Netflix oder Amazon. In den USA ist diese Methode bereits fest etabliert, hierzulande wird es aber wahrscheinlich noch lange dauern, bis sie voll akzeptiert und genutzt wird. Deutsche Serien, die international konkurrenzfähig sind, gibt es laut Aussage Jonathan Friedlands, des Pressechefs von Netflix, gegenüber Filmstarts.de leider bisher noch nicht. So stellt er in dem Interview auch klar: „Wir produzieren keine Standard-Polizeiserien. Und wir werden auch in Deutschland keine machen, nur weil es das ist, was die Leute gerne schauen.“[2]

Der Filmemacher Robert Bramkamp äußerte kürzlich in einem Interview gegenüber critic.de deutliche Kritik am, wie er es ausdrückt, „Retrorealismus“ (oder auch „Tatort-Realität“), der die deutsche Filmproduktionslandschaft bestimmt. Fantasievollere Stoffe würden von deutschen Förderanstalten gar nicht erst gefördert, wodurch die deutsche Fernseh- und Kinolandschaft stagniere.[3] Der Zuschauer müsse sich erst an neue Formate und Figuren gewöhnen, so auch Jonathan Friedland im Interview.

Die seit Jahren anhaltende internationale Entwicklung hin zu qualitativ hochwertigen, vielseitigen und mutigen Serienproduktionen könnte auch dem festgefahrenen deutschen Krimi-Stereotyp neue Impulse geben. Eine Produktion beispielsweise durch Netflix, unabhängig von Einschaltquoten, könnte deutschen Autoren, die mit experimentierfreudigen Ideen in der deutschen Fernsehlandschaft bisher keinen Fuß auf den Boden bekamen, neue Chancen geben. Denn an ambitionierten Autoren, Regisseuren und Schauspielern mangelt es in Deutschland nicht. Sie können nur oft in den hierzulande produzierten Serien und Filmen ihr volles Potenzial nicht ausschöpfen. In den „Tatort“-Filmen traut man sich seit einiger Zeit aber bereits das eine oder andere: So stellten die letzten beiden Produktionen mit Ulrich Tukur („Im Schmerz geboren“, Erstausstrahlung am 12. 10. 2014, und „Wer bin ich?“, Erstausstrahlung am 27.12.2015) außergewöhnliche Experimente dar, von denen man sich in Zukunft mehr wünschen würde.
c.

 

Krimis im deutschen Fernsehen

Kommissarin Heller

Schattenriss: zu sehen in der ZDF-Mediathek

Stralsund

Der Anschlag: zu sehen in der ZDF-Mediathek

Das Programm

zu sehen in der ARD-Mediathek

KDD

3 Staffeln, erhältlich auf DVD

Nachtschicht

letzte Folge „Wir sind alle keine Engel“, Erstausstrahlung am 27. April 2015

[1] http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=tz&dig=2010%2F01%2F12%2Fa0127&cHash=abac1b5d91

[2] http://www.filmstarts.de/nachrichten/18497318.html

[3] http://www.critic.de/interview/komplexer-soll-die-welt-nicht-werden-filmfoerderung-anders-ii-3986/