Deutscher Expressionistischer Film

Der deutsche expressionistische Film und sein Einfluss auf das Kino

Der Film des deutschen Expressionismus gilt als stilprägend für die Welt des Kinos. Das spätere Genrekino Hollywoods, hier vor allem der Film Noir, der Horrorfilm und das Science-Fiction-Kino ist ohne die Vorbilder aus den 1920er Jahren undenkbar. Auch die morbide Ästhetik eines modernen Filmemachers, wie Tim Burton schöpft zu einem großen Teil aus den Wurzeln des expressionistischen deutschen Films. So lebt in Edward mit den Scherenhänden und Sleepy Hollow das Erbe eines Dr. Caligari oder von Metropolis weiter.

©Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
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Tim Burton hat sein filmisches Handwerk und seinen Sinn für das extrem Überzeichnete u.a. bei den deutschen Filmemachern des Expressionismus gelernt. Die windschief-gemalten Kulissen, mit ihren krummen Gassen und den verwinkelten Häuserfassaden in „Das Cabinet des Dr. Caligari“ stehen einerseits exemplarisch für die pointierte Bildkomposition des Expressionistischen Kinos, könnten aber auch so oder ähnlich in einem Burton-Film auftauchen.

Stilistisch, aber auch inhaltlich gibt es neben Burton noch eine ganze Reihe von aktuellen Filmemachern und Regisseuren, deren Werk stark vom Expressionismus beeinflusst ist: David Lynch zum Beispiel, der in seinem filmischen Schaffen Einflüsse des surrealistischen wie des expressionistischen Films aufgreift. Lynch orientiert sich auch inhaltlich stark an den Themen des Expressionismus, wenn er sagt: „Was die Oberflächen zeigen ist nur ein Teil der Wahrheit. Darunter steckt das, was mich am Leben interessiert: die Dunkelheit, das Ungewisse, das Erschreckende, die Krankheiten.“

Daneben existiert auch die Filmwelt des kanadischen Kultfilmers Guy Maddin, der in seinen Filmen versucht die Ästhetik des deutschen Expressionismus mit zahlreichen Referenzen wieder lebendig zu machen. In seinen Filmen, wie „Tales oft he Gimli Hospital“ oder „Careful“ begeistert er die Cinephilen mit einem eigenwilligen Umgang mit den Stilmitteln des deutschen Stummfilms der Zwanziger Jahre.

 

Filmkunst als lebendige Grafik

 

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©Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Nach Caligari-Filmarchitekt Hermann Warm muss „Das Filmkunstwerk (…) eine lebendige Grafik werden“ und beschrieb damit treffend die Idee eines filmischen Expressionismus. So sind die Bauten von Warn in „Das Cabinet des Dr. Caligari“ auch nicht realistisch, sondern gekippt, verschachtelt, teilweise nur gemalt. Sie sind niemals rund, sondern eckig, zackig, immer bedrohlich, nie beruhigend.

Vereinfacht kann die Stilrichtung des Expressionismus als Kunst eines gesteigerten Ausdrucks (lat. expressio) verstanden werden. Stilistische Merkmale des expressionistischen Films sind die Dominanz phantastischer Motive, eine grotesk verzerrte Kulisse und eine kontrastreiche Beleuchtung. Die übertrieben gestische Spielweise und das maskenhaft bleiche Makeup der Schauspieler, ist expressionistischen Theateraufführungen entlehnt.

In „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) erreicht der expressionistische Film seinen Höhepunkt und seine volle Ausformung. Hier sind die Kulissen ein Spiegelbild der Handlung und des Innenlebens der Hauptperson. Erzählt wird die Geschichte des Medium Cesare, welches in Hypnose auf Auftrag seines Herrn, des Dr. Calligari, mordet.

Nicht genau bestimmbare Handlungsabläufe und plötzlich wechselnde und radikale Perspektiven betonen die Thematik von Wahn und Obsession. Hermann Warn stand von Anfang an fest, dass für „dieses ganz ausgefallene und anders geartete Thema (…) auch ein ganz anderer und ausgefallener Stil gefunden werden musste.“

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©Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Das Werk ist ein Meilenstein des expressionistischen Kinos. Durch den außergewöhnlichen, radikal neuartigen Stil, der gemalte und gebaute, grotesk verzerrte Kulissen mit kontrastreicher Beleuchtung und illustriertem Licht und Schatten kombinierte, wird das „Das Cabinet des Dr. Caligari“ häufig als Musterbeispiel des expressionistischen Films bezeichnet.

Bedeutende expressionistische Filme waren  auch Paul Wegeners „Der Golem, wie er in die Welt kam (1920) und Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens! (1922). Auch hier ist das Gefühl der permanenten Bedrohung sichtbar und spürbar.

Metropolis (1927) von Fritz Lang ist ein weiterer künstlerischer Höhepunkt und Klassiker des expressionistischen Films, mit mythischen Elementen des Monumentalfilms und kühnen Spezialeffekten – markiert aber auch gleichzeitig das Ende der Hochzeit des deutschen Stummfilms .

 

Reaktion auf das Chaos der Welt

 

Der expressionistische Film entstand aus einem Gefühl der Verunsicherung, nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs und dem Ende und den Schrecken des ersten Weltkriegs. Die Arbeitslosigkeit, die Inflation sowie die politischen Unruhen – das ganze Chaos der Welt spiegelte sich in gespenstischen Geschichten, die die bisherigen (Natur)Gesetzte und Regeln in Frage stellten.

Die Stilmittel des expressionistischen Films waren ein Rückgriff auf die Formensprache der expressionistischen Kunst, der Malerei und des Theaters. Die deutschen Filme der 1920er Jahre lehnten sich stilistisch und inhaltlich an den Expressionismus in der Kunst (z.B. Edvard Munch „Der Schrei“) und in der Literatur, wie Frank Wedekind „Die Büchse der Pandora“ an.

Thematisch ging es um Krieg, die Großstadt und das Industrielle. Das subjektive Erleben des Einzelnen rückt in den Mittelpunkt und damit der Wahnsinn, die Liebe und der Rausch. Wie nie zuvor wird das Hässliche und das Kranke zum Gegenstand der Darstellung. Es ist eine Reaktion des Menschen auf den Horror der Realität mit einer Auflösung von Normen und Regeln – ein Zerrspiegel der Realität.

 

Erben des Expressionistischen Films

 

Bereits Mitte der 1920 er Jahre war die Blütezeit des Expressionismus im deutschen Film vorüber. Viele der frühen Protagonisten des deutschen Films verließen spätestens nach der Machtergreifung Hitlers Deutschland. Waren zu Beginn noch häufig europäische Metropolen, wie Paris, London oder Wien das Auswanderungsziel, kristallisierte sich bald die aufstrebende Filmindustrie Hollywoods als begehrtes und vielversprechendes Ziel der Emigranten heraus. Gleichzeitig wurden die deutschen Filmgrößen auch gezielt durch Hollywoods Studiobosse angeworben. Während des Nationalsozialismus verlor Europa rund 2000 deutschsprachige Filmschaffende an das Ausland, darunter fast die gesamte Elite der deutschen Filmindustrie. Davon gelangten ungefähr 800 nach Hollywood, um dort teilweise ruhmreiche Karrieren zu starten. Fritz Lang zum Beispiel, konnte in Hollywood seine Karriere fortsetzen und drehte dort einige Klassiker des Film Noir, wie „Scarlet Street“ („Straße der Versuchung“, 1945) und „The Big Heat“ („Heißes Eisen“, 1953). Auch hier liegt der Fokus auf Themen, die sich im Bereich des Verbrecherischen, Gemeinen und teilweise auch Wahnsinnigen bewegen.

 

Einfluss auf Hollywood

 

Aber nicht nur der Film Noir, der sich in seinen Stilmitteln und der pessimistischen Weltsicht eindeutig am Expressionismus orientiert, ist ein Erbe der Meisterwerke des deutschen Stummfilms der 1920er Jahre. Daneben greift auch das Genre des Horrorfilms die Themenwelt und Optik des expressionistischen Films auf. Hier ist es vor allem das Böse an sich, das Gespenstische und das Diabolische in all seinen schauderhaften Erscheinungsformen, das abstoßend und faszinierend zugleich dargestellt wird. Szenen und Bildkompositionen, die erstmals im Expressionistischen Film auftauchten, werden bis zum heutigen Tag imitiert und wie schablonenhafte Zerrbilder unseres kollektiven Unbewußten immer wieder verwendet.

Auch das Science Fiction Genre, wäre ohne Vorbilder wie „Metropolis“ von Fritz Lang in der heutigen Form nicht möglich. Hier tauchen zum ersten Mal die Archetypen des Science Fiction, wie Cyborgs, der verrückte Wissenschaftler, die utopische Stadt oder Computer auf – um nur ein paar zu nennen.

Aber natürlich finden sich Themen und Figuren des expressionistischen Films auch im Mainstream Kino wieder. Erscheint doch ein „Dr. Mabuse (1922) als der Urvater aller Bösewichte und taugt damit als Vorbild für all die üblen Typen die durch die Filmgeschichte geistern. Hier kann man die, nach der Weltherrschaft strebenden, Schurken bei James Bond genauso nennen, wie einen Hannibal Lector, der alle Bösartigkeit dieser Welt in sich zu vereinen scheint.

Der deutsche Film hat sich nie wieder erholt, vom Weggang seiner größten kreativen Filmschaffenden. Die Emigration von Regisseuren, wie Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau hat in Deutschland eine große künstlerische Lücke gerissen und im Bereich Film viel Mut und Kraft genommen und damit auch das internationale Renommee.

Allerdings ist der Einfluss und die Faszination des deutschen Expressionismus im Film ungebrochen und wird auch weiterhin die Kreativität heutiger und nachfolgender Generationen beflügeln.

k.n.

 

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