Das Salz der Erde

14.01.2016

Ins Herz der Finsternis –

und wieder heraus

 

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Der weltberühmte Fotograf Sebastio Salgado steht im preisgekrönten Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ selbst im Fokus der Kamera. Wim Wenders und Salgados Sohn, Juliano Ribeiro Salgado, begleiten ihren Protagonisten erzählerisch, fotografisch und filmisch auf seinem Weg von den tiefsten Abgründen menschlichen Leids bis hin zu einer neuen, wunderbaren Hoffnung.

Sebastião Salgado gilt als einer der größten Fotografen der Gegenwart, seine Werke werden seit vielen Jahren in Wanderausstellungen weltweit in führenden Galerien und Museen gezeigt. Seine emotionalen Momentaufnahmen berühren die Menschen und bescheren Museen und Galeristen regelmäßig neue Besucherrekorde. Seine schwarz-weißen Aufnahmen von einfachen Landarbeitern, Kriegsopfern, Verhungernden, Vertriebenen und leidenden Menschen lassen kaum einen Betrachter kalt. Längst sind viele seiner Aufnahmen, zum Beispiel aus den Hungerbieten Äthiopiens, den brennenden Ölfeldern Kuwaits oder vom Völkermord in Ruanda, zu Ikonen der Gegenwart geworden. Auch seine neueren Arbeiten, die unberührte Landschaften, Tiere und Naturvölker zeigen, beeindrucken. Doch wer ist der Schöpfer all dieser Werke? Und hat uns Sebastião Salgado in „Das Salz der Erde“ persönlich noch mehr zu sagen, als er es mit seinen Bildern ohnehin schon tut?

 

Meister des Visuellen finden sich

Der bekannte Regisseur Wim Wenders, ein langjähriger Bewunderer Salgados, lernte den Fotografen vor einigen Jahren privat kennen. Nach vielen Gesprächen, auch mit Salgados Sohn, der selbst Dokumentarfilmer ist, reifte die Idee heran, Salgados Lebensgeschichte gemeinsam filmisch zu erzählen. Dieses Projekt lag den Salgados schon länger am Herzen, doch sie wünschten sich zusätzlich eine außerfamiliäre Sicht, die sie durch Wim Wenders fanden.

 

Neue Aufnahmetechnik für besondere Nähe

Gemeinsam verarbeiteten sie für den Film Fotografien aus vier Jahrzehnten, werteten Filmaufnahmen aus, die Juliano Ribeiro Salgado auf gemeinsamen Reisen mit seinem Vater gedreht hatte, und führten Interviews: mit Salgados Frau Lélia, mit seinem Vater und natürlich mit dem Fotografen selbst. Um die filmisch sehr eindrücklichen Interviewaufzeichnungen mit Salgado zu erzeugen, beschritt Wim Wenders neue Wege: „So habe ich dann das Konzept der ‚Teleprompter-Dunkelkammer‘ entwickelt: Sebastião sitzt vor einem Bildschirm mit seinen Fotografien, während er meine Fragen darüber beantwortet. Die Kamera steht hinter einem halbdurchlässigen Spiegel direkt hinter dem Bildschirm und filmt ihn sozusagen durch seine Fotografien hindurch. Dadurch schaut Sebastião gleichzeitig auf seine Fotografien und blickt den Zuschauer direkt an. Ihm zuzusehen und zuzuhören, während er sein Werk kommentiert, schafft eine für den Zuschauer sehr intime Situation und Atmosphäre.“

 

Blick in Abgründe

Diese spezielle Form der Interviewaufzeichnung war aufwühlend, sowohl für den Interviewten als auch für den Interviewer: „Eine ganze Woche lang haben wir uns jeden Tag in dieser besonderen ‚Dunkelkammer‘ mit Sebastiãos fotografischem Werk auseinandergesetzt, mehr oder weniger in chronologischer Reihenfolge. Das war sehr schwer für ihn und auch für uns hinter der Kamera, weil einige dieser Reisen und Ereignisse zutiefst erschreckend und wirklich verstörend sind. Für Sebastião war es wirklich so, als ob er an diese Orte zurückkehren würde. Auch für mich waren diese inneren Reisen ‚zum Herz der Finsternis‘ überwältigend. Manchmal haben wir unterbrochen, und ich musste spazieren gehen, um ein wenig Abstand zu gewinnen von dem, was ich gesehen und gehört hatte.“

Diese Dichte, diese Nähe, wirkt wie ein Sog und nimmt den Betrachter gefangen. Salgado führt immer wieder erzählerisch durch den Film, Auge in Auge mit dem Zuschauer oder als Stimme aus dem Off. Man reist mit ihm gedanklich rund um den Erdball, nimmt teil an seinen Begegnungen mit den Fotografierten, bis es ihm schließlich zu viel wird: „Nach Jahren der Arbeit in Flüchtlingslagern hatte ich so viel Tod gesehen, dass ich das Gefühl hatte, ich würde selbst sterben.“ Salgado hinterfragt seine Tätigkeit als sozialkritischer Fotograf und versinkt in Depressionen. Was bleibt ihm noch zu tun, nachdem er den Völkermord in Ruanda gesehen hat?

 

Aufbruch in ein neues Leben

Im letzten Abschnitt des Films sieht man Salgado in einem Wald spazieren gehen, und Setzlinge, die gepflanzt werden. Und was wie eine rein landwirtschaftliche Tätigkeit wirkt, entpuppt sich als sein Weg aus der Verzweiflung. Doch nicht nur für ihn, sondern für den gesamten Ort Aimorés, in dem Salgado aufgewachsen ist. Über die Jahre war die Gegend durch Abholzung zu einer Wüstenei geworden, ausgedörrt und sterbend. Bis die Salgados beschlossen: Lasst uns Bäume pflanzen! Und was in den neunziger Jahren als Familienprojekt begann, wurde immer größer: 1998 gründete das Ehepaar Salgado zusammen mit Partnern das Instituto Terra, das mit Spenden unterstützt werden kann. In Kooperation mit weiteren, externen Partnern, konnten bis heute mehr als vier Millionen Bäume gepflanzt werden. So wurde ein Teil des Atlantischen Regenwaldes in Brasilien wieder aufgeforstet. Einhergehend mit der Entstehung des neuen Waldes fand Salgado Inspiration für ein neues Fotoprojekt, „Genesis“, das ihn acht Jahre auf vielen Reisen beschäftigte. Er fotografierte Tiere, die Natur und Menschen im Einklang mit ihr. Am 9. April 2013 wurden die Fotografien aus „Genesis“ zum ersten Mal in London im Natural History Museum ausgestellt und 2015 in Deutschland als Buch veröffentlicht.

Diese erstaunliche Entwicklung in Salgados Leben, seine Reise quasi durch die Abgründe der Welt bis hin zu neuer Hoffnung und neuem Leben, überrascht und berührt. Nach den eindrücklichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen folgt frisches Grün. Der junge Regenwald auf den einstmals kahlen Hügeln wirkt wie ein Wunder. Der Film kann daher nicht nur denjenigen empfohlen werden, die sich für den Fotografen Salgado und sein Werk interessieren, sondern allen, die sich ebenfalls die Frage stellen: Wie kann es Hoffnung geben in einer zerstörten Welt? Salgados Geschichte ist das beeindruckende Zeugnis einer außergewöhnlichen Lebensreise, ermutigend und inspirierend. Ein durchweg bewegender Film, der zu Recht 2014 den Gilde-Filmpreis erhielt, beim Filmfestival in Cannes mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde und 2015 für den Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert worden ist.

 

– s.r.

 

 

Das Salz der Erde

SALZ-DVD+BD
Darsteller
: Sebastião Salgado
Regie: Wim Wenders,
Juliano Ribeiro Salgado
Produzent: Decia Films
Produktionsjahr: 2014
Länge DVD: 106 Min
Länge Blu-ray: 110 Min

 

 

Fotos: FilmPressKit