Der blinde Fleck

13.01.2016

Auf dem rechten Auge blind

 

DerblindeFleckDer Spielfilm „Der blinde Fleck“ beleuchtet mit den Hintergründen des Oktoberfestattentats im September 1980 ein noch immer dunkles Kapitel der deutschen Geschichte.

Am 26. September 1980 sprengte sich der 21-jährige Gundolf Köhler auf dem Oktoberfest in München in die Luft und riss 13 Menschen mit in den Tod. Bis heute gibt es Zweifel an den offiziellen Ermittlungsergebnissen, nach denen Köhler Einzeltäter war. „Der blinde Fleck“ thematisiert die Nachforschungen des Journalisten Ulrich Chaussy, der einem Vertuschungsskandal auf die Spur kommt.

Der deutsche Spielfilm „Der blinde Fleck“ aus dem Jahr 2013 basiert auf den wahren Hintergründen des Oktoberfestattentats im September 1980 und den daran anschließenden Ermittlungen und Recherchen des Journalisten Chaussy. Halbdokumentarisch durch die Vermischung von Spielszenen mit Originalaufnahmen nähert sich der Film diesem bisher nicht befriedigend aufgeklärten Terrorakt und überzeugt durch seine guten Darsteller sowie die unaufgeregte Regie von Daniel Harrich.

Im Mittelpunkt steht der Journalist Ulrich Chaussy (Benno Führmann), der sich nach dem Attentat nicht mit den offiziellen Ermittlungsergebnissen zufrieden gibt. Gemeinsam mit dem Opferanwalt Werner Dietrich (Jörg Hartmann) forscht er selbst nach und kommt zu völlig anderen Ergebnissen als die Ermittlungsbehörden. Zeugenaussagen bekräftigen ihn in der Überzeugung, dass der offiziell als Einzeltäter festgestellte Gundolf Köhler mehrere Mittäter gehabt haben muss. Zu dieser Erkenntnis kommt er nicht etwa durch neue Funde oder das Aufspüren von bisher unbekannten Zeugen, sondern durch erneute Befragung derjenigen, die vorher bereits von den Behörden vernommen wurden. Dadurch stellt er fest, dass ganze Aussagen oder Teile davon nicht in die Akten aufgenommen wurden.

 

Undurchsichtige Motive

Der Journalist kommt zu der Vermutung, dass die Ermittlungen von oberster Stelle verfälscht wurden. Der damalige bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß hat, so stellt es der Film dar, dem Leiter des bayrischen Verfassungsschutzes Hans Langemann (Heiner Lauterbach), den Auftrag gegeben, die Ermittlungen zu beeinflussen. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass der Attentäter Mitglied der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ war, einer rechtsextremen Vereinigung, deren Gefährlichkeit von der Regierung Strauß zuvor nicht wahrgenommen wurde. Langemann lenkt daraufhin die Ermittlungen und die öffentliche Wahrnehmung unter anderem durch die gezielte Weitergabe von Informationen an die Presse (verkörpert von Udo Wachtveitl) in eine bestimmte Richtung. Der Täter Köhler wird der Öffentlichkeit als zurückgezogener, frustrierter Einzelgänger präsentiert – eine Darstellung, die laut Aussagen seiner Freunde und seiner Familie so nicht zutrifft.

Nachdem die Ermittlungen 1983 eingestellt wurden, versucht Chaussy durch erneute Recherchen, eine Wiederaufnahme bei Generalbundesanwalt Kurt Rebmann (Miroslav Nemec) zu erwirken, welche dieser aber ablehnt. In der Folgezeit verfolgt der Journalist seine Spuren aufgrund von Drohungen gegen ihn und seine Frau (Nicolette Krebitz) nicht weiter. Im Jahr 2006 versucht er es erneut und muss feststellen, dass die Beweismittel zum Oktoberfestattentat aufgrund von Platzmangel bereits im Jahr 1997 vernichtet wurden.

 

Wiederaufnahme der Ermittlungen

Als Zuschauer ist man geschockt ob der nachlässigen Ermittlungen und der Strippenzieher hinter den Behördenkulissen, die offensichtlich versuchten, die wahren Hintergründe hinter dem furchtbaren Anschlag von 1980 zu vertuschen. Spätestens bei der kurzen, nüchternen Pressekonferenz des Generalbundesanwalts, in der die Wiederaufnahme des Verfahrens abgelehnt wird, macht sich Hoffnungslosigkeit breit. Der Film schafft es trotz seiner eher nüchternen Erzählweise, diese Gefühle  zu vermitteln, und lässt den Zuschauer wütend zurück. Das unbefriedigende Ende ist zwar frustrierend, gibt aber genau wieder, wie damals eben auch alles ein Ende gefunden hat. Doch es besteht Hoffnung: Nach der Ausstrahlung des Films wurden am 11. Dezember 2014 auf Antrag von Opferanwalt Werner Dietrich die Ermittlungen zu den Hintergründen, Motiven und Tätern des Oktoberfestattentats wieder aufgenommen.

Insgesamt überzeugt der Film vor allem durch seine Nähe zum historischen Geschehen sowie durch die guten Darsteller. Die Figuren bleiben trotzdem distanziert und nicht richtig greifbar – es ist kaum möglich, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Dies ist aber durchaus im Sinne der Geschichte und vor allem des dokumentarischen Charakters des Films, dem es vor allem darum geht, wahre Geschehnisse zu rekonstruieren und auf Ungereimtheiten und Missstände hinzuweisen. Durch die Fokussierung des Films auf Ulrich Chaussy und seine Recherchen bleiben die wahren Hintergründe des Attentats im Dunkeln. Der oder die Täter und ihr Schicksal bleiben weiterhin unbekannt.

Der Bogen, den der Film am Ende noch zum Fall des NSU spannt, gelingt und lässt den Zuschauer mit weiteren Fragezeichen zurück. Die Wiederaufnahme der Ermittlungen scheint nun als Hoffnungsschimmer doch noch Licht in diese dunklen Geschehnisse rund um das Attentat vom September 1980 zu bringen.

c.

 

Der blinde Fleck

Deutschland 2013, Regie: Daniel Harrich, Drehbuch: Ulrich Chaussy, Daniel Harrich, Darsteller: Benno Führmann, Nicolette Krebitz, Heiner Lauterbach, Jörg Hartmann, August Zirner, Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec u. a.

Derzeit verfügbar u. a. bei Netflix

Weitere Informationen:

Die Hintergründe zum Film wurden vom bayrischen Rundfunk in einer anschaulichen und informativen Webdokumentation aufgearbeitet.