Finsterworld

14.01.2016

Sonnenstrahlen auf den Abgründen der deutschen Seele

 

In „Finsterworld“ ist kaum etwas so, wie es scheint. Märchenhaft bewegen sich die Figuren in einem Drama, in dem fortwährend die Sonne vom Himmel lacht. In ihren witzigen und pointierten Dialogen verbergen sich Schatten, ihre Suche nach sich selbst berührt und belustigt. Alltäglich und gleichzeitig archetypisch wirken sie – als stünden sie gar nicht nur für sich selbst, sondern wie ein Kollektivwesen, als Protagonisten der deutschen Seele.

 

 

„Schon die erste Lektüre des Drehbuches war ein bisschen so, wie ich mir die Sichtung eines Ufos vorstelle: ganz plötzlich steht es auf der Sommerwiese vor mir – völlig unbemerkt von den üblichen Radarsystemen. Es ist wunderschön, höchstwahrscheinlich gefährlich und irgendwie auch lustig.“ Mit diesen Worten Christoph Bachs, der in „Finsterworld“ den „Lehrer Nickel“ darstellt, lässt sich treffend die Wirkung dieses Films beschreiben. Im Oktober 2013 kam er in die Kinos und erhielt viele Auszeichnungen, u.a. 2013 den Preis der Deutschen Filmkritik für das beste Drehbuch. Der Episodenfilm der Filmemacherin Frauke Finsterwalder wirkt wie ein Rätsel, indem die Schicksale der Protagonisten miteinander verwoben sind, ihre Seelen sich Schicht um Schicht freilegen. Doch nie wird der Film dabei schwermütig, vielmehr kommt er leichtfüßig und unterhaltsam daher, wie eine Sommerkomödie mit skurrilen Überraschungen.

FINSTERWORLD©MarkusFoerderer_Alamode_BaerZehrfeld
Finsterworlds märchenhafte Welt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Besondere Figuren – besondere Geschichten

Da ist zum Beispiel Fußpfleger Claude, der sich unsterblich in eine seiner Klientinnen im Altersheim verliebt. Mit Frau Sandberg teilt er feinsinnige Gespräche und die scherzhafte Abneigung deutschen Liedguts: „Dieses Fiderallalla. Irgendwie ekelt es mich, es auszusprechen und dann kann ich aber nicht aufhören, es zu sagen: Fiderallalla.“ Mit solchen Sätzen bringt er sie zum Lächeln. Die Hornhaut, die er von ihren Füßen raspelt, verbackt er als geheime Zutat in Keksen, die er ihr schenkt. Lange zögert er, ihr seine Sehnsucht zu gestehen. Ob es für sie ein Happy End geben wird?

Oder die Schülerklasse, die zu einem KZ-Besuch aufbricht und mit dem Bus dorthin fährt. Lehrer Nickel bemüht sich redlich, seinen Zöglingen den Ernst dieser historischen Stätte emotional nahe zu bringen. Vergeblich. “Na, ihr Spasmos! Ready for the KZBesuch?” begrüßt der schnöselige Maximilian vor Antritt der Fahrt seine Mitschüler. Statt über die Ausführungen des Lehrers nachzudenken, vertreiben sich Dominik und Natalie die Zeit lieber mit Comics und kontern Maximilians Sticheleien. Dramatisch wird die Situation, als Natalie später im KZ von ihren Mitschülern als Folge eines bösen Streiches in einen Verbrennungsofen hineingestoßen und eingeschlossen wird. Lange hört niemand ihr Schreien, bis ihre Befreiung schließlich zu einem folgenschweren Missverständnis führen wird…

FINSTERWORLD©MarkusFoerderer_Alamode_Harfouch_Schütz
Corinna Harfouch als Inga und Bernhard Schütz als Georg Sandberg

Weitere Protagonisten, weitere Facetten kollektiver Tiefenschichten. Das wohlhabende Werbe-Ehepaar Inga und Georg Sandberg, liebevoll vereint in ihrer Abneigung Deutschlands: Weil es hier so hässlich ist. Und überfüllt mit unhöflichen, ruppigen Menschen. Die Innenstädte ausgebombt, die ehemaligen Bombenkrater zugeschmiert mit Beton… Stuttgart… oder Berlin.“ Im Gespräch mit dem Schüler Dominik, der sich heimlich aus dem Bus davongestohlen hatte und dem sie zufällig begegnet sind, zeigt sich dennoch ihre geheime Sehnsucht nach einer heilen Beziehung zu ihrem Land. Wo sind die deutschen Vorbilder, fragen sie sich, mit denen sie sich identifizieren können? Dominik philosophiert über Comics, nicht ahnend, dass diese Worte zu seinen letzten zählen werden. Die USA haben Micky Maus zu bieten, was biete Deutschland? „Fix und Foxi sind doch deutsch“, wirft Georg ein, kurz bevor das Schicksal zuschlägt.

 

Liegt Finsterworld in Deutschland?

So ließe sich die Aufzählung weiterführen. Protagonisten gefangen in ihrer eigenen, sonnigen Finsterworld. Ob dies etwas mit ihrer Beziehung zu ihrem Land zu tun hat? Diese Frage schwingt in dem märchenhaften Film fortwährend mit. Regisseurin Frauke Finsterwalder und Ehemann Christian Kracht, mit dem sie das Drehbuch geschrieben hat, verweigern einfache Antworten, lassen die Geschichten vielmehr für sich selbst sprechen.

Vielleicht gibt es kein besseres Resümee zu diesem Film als folgende Sätze von Regisseur Dominik Graf: „FINSTERWORLD ist Germany today. Ein Film wie ein psycho-geographisches Fresko von real lebenden deutschen Personen, wie ein liebevoll zusammengestellter Quilt, in den langsam ein prachtvolles schwarzes Loch hineinschmort, das sich ausbreitet und am Ende fast alles zerfrisst.“

 

– s.r.

 

Finsterworld

FW_Plakat_RZ_webRegie: Frauke Finsterwalder

Drehbuch: Frauke Finsterwalder und Christian Kracht

Darsteller: Johannes Krisch, Michael Maertens, Sandra Hüller, Corinna Harfouch, Berhnhard Schütz u.a.

Länge: 91 Minuten

Produzent: Walker+Worm Film

Erscheinungsjahr: 2013

 

 

Erhältlich als DVD, Blu-ray und als Buch.

 

 

 

Fotos/Trailer: Alamodefilm