Kehraus

13.01.2016

Satirischer Horrortrip durch das Versicherungswesen und den Fasching

 

Kehraus-polt-dvdKehraus ist eine Komödie, bei der man eher leidet als lacht – hervorragend besetzt mit einigen Stars des Kabaretts der 80er.

Der Münchner Gabelstaplerfahrer Ferdinand Weitel (Gerhard Polt) unterschreibt sieben Versicherungsverträge, die ihm der schmierige Vertreter Arno von Mehling (Nikolaus Paryla) aufgeschwatzt hat. Mehrere der Versicherungen sind völlig unnötig, und in der Summe kann er sie sich gar nicht leisten. Das fällt Weitel auf, sobald von Mehling aufgehört hat, auf ihn einzuschwatzen. Doch der Vertreter ist schon aus der Tür und lässt sich nicht mehr zurückpfeifen.

Der überrumpelte Kunde ruft bei der Versicherungsgesellschaft an, um sein Problem zu schildern und die Verträge zu stornieren. Sekretärin Annerose Waguscheit (Gisela Schneeberger) schickt ihn erst einmal für einige Minuten in die Warteschleife, damit sie auf der anderen Leitung in Ruhe einer Kollegin von ihrer Diät erzählen kann. Herr von Mehling trifft in seinem Büro ein, lässt sich aber verleugnen. Frau Waguscheit wendet sich wieder Herrn Weitel zu und überzeugt ihn davon, dass er persönlich vorbeikommen müsse, am besten dienstags ab 14 Uhr. Und so nimmt sich Weitel den nächsten Tag frei und fährt in die Zentrale der Versicherung. Doch der Tag ist kein normaler Dienstag – sondern Faschingsdienstag.

 

Der ganz normale Wahnsinn der Büro-Welt

Weitel ist schon mittags da und sucht nach von Mehlings Büro. Zeitlos schönes Detail: Die wenigen Angestellten, denen er begegnet, grüßen ihn und einander mit „Mahlzeit“. Anfangs antwortet er mit „Grüß Gott“, nach einiger Zeit aber übernimmt er den Jargon.

Im sechsten Stock, wo von Mehling und Waguscheit arbeiten, herrscht Feierlaune mit Krapfen, Witzen und Flirt. Als Weitel eintrifft, versteckt sich der Vertreter, Frau Waguscheit versucht Weitel abzuwimmeln. Schließlich schlägt ein Kollege vor, Weitel solle direkt zu Professor Heinzel oder Dr. Berzelmeier im 13. Stock gehen. Was der veräppelte Kunde nicht weiß: Das ist die Vorstandsetage.

Der Vorstand tagt tatsächlich gerade. Die Herren Heinzel (Jochen Busse), Berzelmeier (Dieter Hildebrandt mit riesiger Playboybrille) und Dr. von Rüden (Hans-Günter Martens) besprechen Sparmaßnahmen. Als Ferdinand Weitel es durch Zufall bis in den Konferenzraum geschafft hat, wo er verdattert und still hinter den Chefs steht, lassen diese sich gerade Live-Bilder von Überwachungskameras in den Büros zeigen. Zu sehen ist der sechste Stock – wie die Vorstände feststellen, ein Hort der Ineffizienz. Da herrscht Feierlaune, Witze werden in großen Mengen auf Papier vervielfältigt, eine Sekretärin verkauft im Büro nebenberuflich Haushaltsartikel. Nach einigem Hinsehen wird beschlossen, sämtlichen Mitarbeitern im sechsten Stock zu kündigen und dort Platz für ein neues Rechenzentrum zu machen – mit dem sich weitere Arbeitsplätze einsparen lassen.

Als auch von Mehling auf dem Monitor zu sehen ist, werden die Entscheider schließlich auf Weitel aufmerksam, der die ganze Vorführung mit angesehen hat. Natürlich wird Weitel sofort der Chefetage verwiesen. Er versucht weiter, von Mehling zu fassen zu bekommen, doch der entwischt erneut, und Frau Waguscheit verleugnet ihn weiterhin.

Doch sie stutzt, als Weitel erzählt, er habe von Mehling und die anderen „im Fernsehen gesehen“. Ihr schon länger gehegter Verdacht bestätigt sich: „Die ham an Video da oben!“. Ihre Loyalität bröckelt, ihre Hilfsbereitschaft wächst, und sie gibt Weitel schließlich den Tipp, von Mehling am Abend auf dem Faschingsball der Versicherungsbranche zur Rede zu stellen.

 

Höllisches Finale auf dem Kehraus

Weitel findet heraus, wo der Ball namens „Traumpolice“ stattfindet. Dort angekommen, scheitert er zunächst an der Eingangskontrolle. Frau Waguscheit kommt ihm mit einem Trick zu Hilfe.

Die lange Schlussstrecke des Films spielt auf dem Ball. Der ist für die Angestellten ein Höhepunkt des Jahres, von dem sie sich wenigstens für eine Weile die Flucht vor ihren häuslichen Verhältnisssen erhoffen: Annerose Waguscheit lebt, wie der Zuschauer jetzt sieht, unter der Fuchtel ihrer Mutter. Die zwingt ihr die züchtigste Variante ihres spanischen Folklorekostüms auf untergräbt ihre Diät. Die flirtfreudige Gerda Jessike (Helena Rosenkranz) hat es zu Hause mit einem Pascha-artigen Mann zu tun, dessen Geliebte wie selbstverständlich dort duscht. Der ältere, unscheinbare Kollege Winfried Deutelmoser (Karl Obermayr) hat eine gleichaltrige, kränkelnde, traurig wirkende Frau. Der junge Laufbursche Markus Wandrey (Peter Welz) lebt allein inmitten einer Sammlung von Militär-Devotionalien. Er fügt seiner Zorro-Verkleidung einen echten, geladenen Revolver bei.

Die Entwicklung des Balls von langweilig zu infernalisch, das Schunkeln, Saufen und Anbaggern zu dumpfen Karnevals-Hits (ja, auch kölschen) und ausgelutschten Scherzen von halbprofessionellen Entertainern ist (für Faschingsmuffel) genial schmerzhaft anzusehen. Im allgemeinen Geschrei und Getorkel versucht Ferdinand Weitel weiterhin, den flüchtigen Vertreter zu finden.

Nach einigen Irrungen und Wirrungen kommt es zum Showdown in der Kellerbar: Weitel und alle Mitarbeiter aus dem sechsten Stock treffen auf den (fröhlich die Bardamen begrapschenden) Vorstand. Die Entlassung wird publik, die Chefs verhöhnen die Mitarbeiter. Mittendrin der Vertreter von Mehling, der sich herauszuwinden versucht, Weitel und Waguscheit, die einander inzwischen Ferdl und Rosi nennen, und der junge Mann mit der geladenen Waffe …

 

Ein Muss, nicht nur für Freunde der Versicherungs-Comedy

„Kehraus“ ist bitterböse, geht aber nicht tragisch aus. Der Film ist eine beißende Satire auf das zynische Verhalten vieler Führungskräfte der Belegschaft gegenüber, auf den Umgang von Versicherungen mit den Kunden, auf Firmenfeste und den Fasching im Allgemeinen. Laut Cinema.de soll das Drehbuch teilweise auf Gesprächen basieren, die Gerhard Polt in einer Versicherungskantine belauschte.

Die Rollen sind wunderbar gestaltet und werden realistisch gespielt von einigen Größen des Kabaretts der 1980er Jahre. Ausstattung und Drehorte – von der engen Mietwohnung mit Goldfischaquarium über die Trambahn und das zeitlos hässliche Bürogebäude bis hin zum mittelprächtig dekorierten Ballsaal – sind hervorragend ausgesucht und gestaltet und zeigen ein München abseits von Klassizismus, Villen und Schicki-Mickis (von Dr. Berzelmeier mal abgesehen). Der bayerische Dialekt, stimmig eingesetzt von Schneeberger und Polt, ist ein weiterer Star des Films. „Kehraus“ wirkt nicht alt, sondern klassisch, und die Konflikte seiner Protagonisten sind ohnehin auch nach über 30 Jahren aktuell.

Jeder, der „Kehraus“ nicht kennt, sollte ihn im kommenden Fasching/Karneval nachholen. Wer ihn gesehen hat: Noch mal gucken!

e.

 

Kehraus

Satire, Deutschland 1983. Drehbuch: Hanns-Christian Müller, Gerhard Polt, Carlo Fiedler. Regie: Hanns-Christian Müller. Musik: Hanns-Christian Müller. Darsteller: Gerhard Polt (Ferdinand Weitel), Gisela Schneeberger (Annerose Waguscheit), Nikolaus Paryla (Arno von Mehling), Karl Obermayr (Winfried Deutelmoser), Dieter Hildebrandt (Dr. Berzelmeier), Jochen Busse (Professor Heinzel), Bruno Jonas (Nicky Wondracil) u. v. a. Länge: 88 Minuten