Mutters Maske

11.01.2016

Die Schlingensief-Version einer Seifenoper

 

Willi von Mühlenbeck mutters maske dvd-cover(Karl Friedrich Mews) kehrt nach längerem Auslandsaufenthalt zurück in das Schlösschen seiner Familie in Mülheim an der Ruhr. Dort leben seine kranke und etwas verrückte Mutter (Brigitte Kausch), sein arroganter Bruder Martin (Helge Schneider) sowie der Diener und Gärtner Julien (Dieter Lersch) – der im Film auch als Erzähler fungiert. Willi stellt bekümmert fest, dass sich „viel verändert“ hat. Martin hat sich zum Familienoberhaupt aufgeschwungen und sperrt die Mutter offenbar meist in dunklen Räumen ein. Er versucht zu verhindern, dass Willi und die Mutter ihre enge, geradezu inzestuöse Beziehung wieder aufnehmen und dass Willi sich überhaupt wieder einlebt.

Eines Tages verliebt Willi sich in die schwer kranke Elsbeth (Susanne Bredehöft), die mit ihrer Mutter und, wie sich später herausstellt, einer Tochter auf dem Nachbaranwesen lebt. Der Liebesgeschichte stehen nicht nur Elsbeths Gesundheitszustand und die eindringlichen Mahnungen des sie betreuenden „Herrn Sanitätsrat“ (Volker Bertzky) im Weg, sondern auch der Argwohn von Willis Bruder und die Eifersucht seiner Mutter. Trotzdem treffen sich die Liebenden. Willi versucht Elsbeth zu überzeugen, dass man ihr die Krankheit nur einreden will und sie in Wirklichkeit nur mehr Licht und Luft braucht, um sich besser zu fühlen.

Willi und Elsbeth versuchen durchzubrennen, doch ein Anfall ihrer Krankheit (die wohl Aids ist – es soll eine Regieanweisung Schlingensiefs gegeben haben, den Kosenamen „Els“ wie „Aids“ auszusprechen) zwingt die beiden zurück in ihre dunklen Elternhäuser. Willi hat sich zu allem Unglück mit der tödlichen Krankheit angesteckt – die erst jetzt als Infektionskrankheit bezeichnet wird.

Am Ende des Films möchte Mutter Mühlenbeck sich mit der inzwischen auf dem Sterbebett liegenden Elsbeth versöhnen und verzeiht ihrem Sohn Willi die Liebe zu einer Anderen. Trotzdem finden nach Elsbeth auch Willi und seine Mutter ein tragisches Ende.

Ach so: Was hat es mit der Maske auf sich? Nicht viel. Die Mutter kauft sie für einen Maskenball in einem Kinderheim. Denn dorthin hat Martin mit Hilfe des pädophil wirkenden Herrn Seidler vom Jugendamt (Udo Kier) Elsbeths Tochter Marie verfrachtet. An dem absurd-tristen Beisammensein nehmen Mutter Mühlenbeck, ihre beiden Söhne und Herr Seidler teil. Marie, das einzige anwesende Kind, taucht für wenige Minuten auf, um ein Gedicht vorzutragen, das die Erwachsenen nachsingen.

„Mutters Maske“ ist ein Remake des Films „Opfergang“ von Veit Harlan. Christoph Schlingensiefs grotesk überzogene Version des Familiendramas greift sprachliche und stilistische Elemente aus frühen Fassbinder-Filmen und aus dem Gedichtband „Die Blumen des Bösen“ von Charles Baudelaire auf. Doch auch wer keine entsprechende Vorbildung mitbringt, kann erkennen, wie Schlingensief hier das Mainstreamkino und die in den Achtzigern so beliebten Familiensagas zitiert, persifliert und demontiert.

„Mutters Maske“ strengt den Zuschauer zweifellos an: Gerade so eben nachvollziehbare Szenen wechseln sich mit völlig absurden ab. Kostüme und Schminke erinnern an Klamauk-Komödien. Die Dreh- und Handlungsorte in Mülheim an der Ruhr (etwa die Villa Josef Thyssen und ihr Garten) werden nicht großartig in Szene gesetzt, der Film hat No-Budget-Optik. Die Schauspieler interpretieren ihre Rollen mit wechselndem Ernst und absichtlich ungelenker Dramatik. Es wird sehr viel geschrien, aber auch mal gehaucht oder gezischt.

„Mutters Maske“ ist keine Komödie, sondern eine trashige Abrechnung mit Familiendramen und Seifenopern, in der aber die tragische Handlung von „Opfergang“ noch erkennbar ist. Der Film ist laut www.filmzentrale.de-Kritiker Harald Mühlbeyer „Schlingensiefs publikumsaffinster“ und bildet einen Übergang zu Helge Schneiders ebenfalls grotesken Filmen, an denen Schlingensief auch teilweise mitwirkte.

Für wen ist der Film etwas? Für Schlingensief-Fans und alle, die am künstlerischen Protest gegen den Mainstream der Achtziger filmgeschichtlich interessiert sind. Aber vor allem auch für diejenigen, die Helge Schneider mögen: „Mutters Maske“ zeigt ihn in einer frühen großen Unsympathenrolle, die er brillant spielt.

e.

 

Mutters Maske

Deutschland 1987/88. Regie, Produktion, Kamera: Christoph Schlingensief. Drehbuch: Matthias Colli, Christoph Schlingensief. Musik: Helge Schneider & Menu Total. Darsteller: Karl-Friedrich Mews (Willy von Mühlenbeck), Helge Schneider (Martin von Mühlenbeck), Brigitte Kausch (Mutter), Susanne Bredehöft (Els), Dieter Lersch (Julien, der Diener), Volker Bertzky (Sanitätsrat), Udo Kier (Seidler). Länge: 85 Minuten. Anbieter: Filmgalerie 451.