Nosferatu

Nosferatu –

Eine Symphonie des Grauens

 

Der junge Thomas Hutter wird durch einen ungewöhnlichen Auftrag aus seinem friedlichen Leben gerissen. Er soll eine Dienstreise nach Transsylvanien antreten. Dort soll er mit dem Grafen Orlock über den Kauf eines Hauses in Wisborg verhandeln. Seine Frau hat böse Vorahnungen, schafft es aber nicht ihn zu zurückzuhalten. Nach einer unheimlichen Reise durch die Karpaten, trifft er endlich auf den gespenstischen Grafen. So furchterregend die Umstände, so schnell ist der Kaufvertrag unterschrieben. Doch am Morgen nach der Vertragsunterschrift, bestätigen sich alle Befürchtungen: Hutter entdeckt zwei rote Male an seinem Hals und weiß – Graf Orlock ist ein Vampir. Und der macht sich gerade auf den Weg zu seiner neu erstandenen Immobilie.

©Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
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Thomas Hutter ist Sekretär des Häusermaklers Knock in Wisborg. Nachdem Knock ein kryptische Schreiben des Grafen Orlock entziffert hat, kann er Hutter überzeugen den Grafen in Transsylvanien zu besuchen. Dort soll er dem Grafen das halbverfallene Haus gegenüber von Hutters Wohnung anbieten.

Obwohl seine Frau Ellen von schrecklichen Vorahnungen heimgesucht wird, macht sich Hutter auf den Weg. Auf seiner Reise durch die Karpaten, wird er von den Einheimischen vor dem Grafen und dem Land der Phantome gewarnt. Doch er schlägt auch diese wohlmeinenden Ratschläge in den Wind, um seine Reise zum Schloss des Grafen fortzusetzen.

Die Atmosphäre wird immer unwirklicher. Nach einem unheimlichen Ritt durch einen gespenstischen Wald, kommt er am Schloss des Grafen Orlock an. Dieser erwartet ihn schon – Die bleiche Gestalt diese Fürsten der Dunkelheit und die verfallene und verwahrloste Burg, tauchen die Szenerie in ein immer schaurigeres Licht. Nach einem beängstigendem Nachtmahl im Beisein des Grafen Orlock, verbringt Hutter eine unruhige Nacht im Schloss. Er erwacht mit zwei Bissmalen am Hals und eine dunkle Ahnung kommt in ihm auf.

Am nächsten Tag kann der unheimliche Fürst zufällig einen Blick auf Hutters Medaillon mit dem Bildnis seiner Ehefrau werfen und unterschreibt den Kaufvertrag für das verfallene Haus umgehend. Hutter hat nun seinen Auftrag erfüllt, allerdings kommt in ihm nun das ungute Gefühl auf, dass er damit auch das Böse in seine Heimatstadt eingeladen hat.

In der kommenden Nacht überfällt der Vampir Orlock den schlafenden Thomas Hutter. Doch seine Frau Ellen im fernen Wisborg, erwacht schreiend aus ihren Albträumen und beschwört den Grafen von ihrem Mann abzulassen. Es gelingt, aber sie fällt daraufhin in einen tranceartigen Zustand.

Am nächsten Tag erkundet, der zutiefst beunruhigte, Hutter das Schloss und macht eine schauerliche Entdeckung: Er findet Orlock leichenhaft in einem Sarg schlafend. In der Nacht wacht der Graf aber auf und belädt einen Wagen mit Särgen. Nachdem er sich in den letzten Sarg gelegt hat, rast das unheimliche Gefährt ohne Kutscher in die Dunkelheit davon. Daraufhin entflieht der Sekretär dem gespenstischen Schloss. Einheimische finden den Verängstigten und bringen ihn in ein Hospital. Während er dort gesund gepflegt wird, werden die Särge auf ein Schiff namens Empusa verladen. Die Empusa macht sich, mit ihrer unheimlichen Fracht an Bord, auf den Weg nach Wisborg. Zeitgleich hastet Hutter, wieder genesen, auf dem Landweg nach Hause. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

filmbestand20nosferatu©Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung.
©Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung.

An Bord des Schoners rafft eine rätselhafte Krankheit ein Besatzungsmitglied nach dem anderen dahin. Als nur noch der Kapitän und sein erster Maat am Leben sind, entsteigt der Graf einem der Särge. Die beiden verfallen dem Wahnsinn und sterben dann ebenfalls – das Geisterschiff fährt führerlos in den Hafen von Wisborg ein. Graf Orlock betritt die nächtliche Stadt, eskortiert von einer Horde Ratten.

Das Logbuch der Empusa wird gefunden und bringt ein wenig Licht ins Dunkel um das Rätsel um das Geisterschiff: Die Stadt ruft den Notstand aus. Doch es ist zu spät und die Pest beginnt sich nach und nach auszubreiten. Niemand findet ein Gegenmittel und die Bevölkerung wird nach und nach dahingerafft.

Hutter kommt nun endlich in Wisborg an. Er hat das „Buch der Vampyre“ im Gepäck, in dem seine Frau Ellen einen Ausweg aus der Misere findet. Sie liest, dass eine Frau „reinen Herzens“ den Vampyr aufhalten könne, indem sie Ihm freiwillig ihr Blut zu trinken gebe und ihm so „den Hahnenschrey vergessen“ macht.

Indes hat Graf Orlock sein neues Heim bezogen und beobachtet Ellen vom gegenüberliegenden Fenster. Der Ohnmacht nahe, schickt sie ihren Mann weg, um einen Arzt zu holen. Der böse Fürst nimmt die Gelegenheit war und schleicht sich in die Gemächer der Angebeteten. Er überfällt Ellen und trinkt ihr Blut. In seinem Rausch vergisst er die Zeit und bemerkt nicht, dass der Morgen graut: Beim ersten „Hahnenschrey“ löst er sich in Rauch auf. Auch für Ellen kommt jede Hilfe zu spät: Der herbeieilende Hutter kann zusammen mit dem Arzt nur noch ihren Tod feststellen. Doch durch den Tod des Vampirs ist auch die Pestepidemie auf wundersame Weise besiegt.

 

Frühes Meisterwerk der Stummfilmära

„Manche Zuschauer hätten erst wieder bemerkt, dass sie im Kinosaal sitzen, als das Licht wieder angeschaltet wurde. So sehr waren sie von dem grausigen Treiben auf der Leinwand gefesselt.“ schrieb die Schweizer Illustrierte Kino Woche 1922, als „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ 1922 in deutschen Kinos Premiere feierte.

Die Geschichte um den berühmtesten Blutsauger der frühen Filmgeschichte war ein Meisterwerk der deutschen Stummfilme der 1920er Jahre. Graf Orlock wurde zur Metapher für das unbeschreibliche Grauen, dass der erste Weltkrieg über die Menschen gebracht hatte. Millionen von Soldaten waren gefallen, Hunger und Armut waren allgegenwärtig, die Spanische Grippe hatte unzählige Menschen dahingerafft und der Winter des Jahres 1919 ging als Hungerwinter in die Geschichte ein. Albin Grau, Produzent und künstlerischer Leiter des Films, sagte: Nosferatu sei für ihn ein Hilfsmittel gewesen, um „zu begreifen, was hinter diesem ungeheuren Geschehnis“ des ersten Weltkriegs lag, „das daher brauste wie ein kosmischer Vampir“.

Die Idee zum Film kam Albin Grau als ihm, während seines Kriegseinsatzes, ein serbischer Bauer von seinem Vater erzählte, den man für einen Vampir gehalten hatte. Daneben zog ihn die Lektüre des Romans „Dracula“ von Bram Stoker in seinen Bann. So stark, dass er nicht lange zögerte und mit Hilfe des Kaufmanns Enrico Dieckmann 1921 die Prana-Film eigens für die Produktion von „Nosferatu“ gründete. Es gelang ihm den aufstrebenden Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau für sein Vampirfilm-Projekt zu gewinnen. Er selbst übernahm, als künstlerischer Leiter, den Entwurf von Masken, Kostümen, Bauten und Werbegrafiken.

Mit der Figur des Grafen Orlock schuf Murnau im Zusammenspiel mit dem Maler Albin Grau (für Ausstattung und Kostüme von „Nosferatu“ zuständig), der effektvoll-fotografierten Kameraarbeit von Fritz Arno Wagner und nicht zuletzt dem beeindruckenden Spiel von Max Schreck, eine der grauenerregendsten Figuren der Filmgeschichte. Diese hat bis zum heutigen Tag nichts von ihrem Horror eingebüßt. Die schmale Gestalt, die mit bleichem Schädel und fratzenhaften Gesicht schattenhaft durch den Film geistert, sorgt auch heute noch für Alpträume.

Genreprägend und gerne kopiert sind Szenen, wie die, in der sich der Deckel eines Sarges wie von Geisterhand öffnet und Max Schreck leichenstarr in die Höhe fährt und damit einen der letzten Überlebenden der Schiffsmannschaft augenblicklich in den Wahnsinn treibt.

Gleichzeitig verlässt sich der Film keineswegs auf eine plakative Darstellung des Horrors. Der Film schafft es, im Zuschauer auch immer den Zweifel wach zu halten: Man kann nie vollkommen sicher sein, ob die Schrecknisse, die dem Sekretär Thomas Hutter widerfahren, nicht doch nur seiner Fantasie und dem Buch „Von Vampyren, erschrökklichten Geistern, Zaubereien und den sieben Todsünden“ entspringen.

Im Gegensatz zu anderen Werken der Zeit, lässt Murnau die Außenaufnahmen an Originalschauplätzen drehen und nicht im Studio. Die Burg Orava (dt. Arwaburg) in Slowenien wird zum Schloss des Gafen Orlock, Wismar wird zu Wisborg und Lübecks alter Salzspeicher wird zur neuen Residenz von Nosferatu. Murnaus Aufnahmen sind naturalistisch und beinahe idyllisch. Der Film erzielt seine gespenstische Wirkung durch den Einbruch des Dämonischen in den Alltag. „Das Grauen erwächst aus dem Vertrauten, nicht aus dem Abartigen.“ sagen Gehler und Kasten. Daneben setzt Murnau gleichnisartige Naturaufnahmen ein, wie Pferde, die vor einem, von einer Hyäne gedoubelten, Werwolf scheuen oder einer mikroskopischen Aufnahme eines Polypen über einer Venusfliegenfalle. So hebt er das Böse, das Grauen in Gestalt des Grafen Orlock, auf die Höhe einer fast unausweichlichen Naturgewalt.

Die Bildkompositionen, Licht und Schatten werden nach Vorbildern aus der Malerei, wie Vermeer, Rembrandt und Frans Hals u.a. gesetzt. Nahaufnahmen, Unschärfen, neue Perspektiven und fast plastische Schatteneffekte verstärken die unheimliche Atmosphäre. Wenn der Beleuchter das Licht auf die Gesichter konzentriert und der Hintergrund im Dunkel verblasst, scheinen die Augen des Grafen Orlock im bleichen Schädel zu versinken. Zutiefst beeindruckend und gerne kopiert ist auch eine der Schlüsselszenen des Films, wenn Nosferatu in das Haus der Hutters eindringt und man nur noch sein Schattenbild, mit den langen, spinnenartigen Fingern und den überlangen Krallen, sieht, die schon nach seinem Opfer zu greifen scheinen.

 

Rezension und Einordnung

Im Erscheinungsjahr 1922 wurde “ Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ größtenteils positiv aufgenommen. Die Kritik Béla Balázs lobte die Fokussierung des Films auf die Natur und urteilte in Der Tag vom 9. März 1923, der Film sei deswegen so wirkungsmächtig, „weil die stärkste Ahnung des Übernatürlichen gerade aus der Natur zu holen ist.“ Nur das Medium Film könne dies wirkungsvoll leisten, denn Sprache sei für die Darstellung des Phantastischen zu rational.

Heutzutage gilt „Nosferatu“ als ein nahezu unbestrittenes Meisterwerk des deutschen expressionistischen Films und als einflussreichster Genreklassiker des Horrorfilms. Laut Filmkritiker Lars Pennin liegt die Innovation in der revolutionären Gestaltung des Vampirs, dieser sei „ die zweifellos grauenerregendste Figur, die das Kino bis dato kannte“. Für Gunther E. Grimm ist der Film „ohne Zweifel der wirkungsmächtigste der alten Vampirfilme, der bis heute auch auf moderne Filmemacher kaum etwas von seiner Faszination verloren hat.“

 

Misserfolg und Urheberrechtsstreit

Trotz der guten Kritiken wurde der Film zu einem finanziellen Desaster. Dabei hatten die Verantwortlichen fast alles richtig gemacht: Im Vorfeld wurde eine großangelegte Werbekampagne gestartet und in der Zeitschrift Bühne und Film (Nr. 21/1922) wurde eine Werbestrecke mit Inhaltsangabe, Szenenfotos, Produktionsbericht und Essays geschaltet. Unter anderem gab es dort eine Abhandlung von Albin Grau über den Vampirismus. Zur Premiere wurde am 4.März 1922 in den Marmorsaal des Zoologischen Gartens in Berlin unter dem Titel „Das Fest des Nosferatu“ geladen. Die Kapelle Otto Kerbach spielte unter Leitung des Komponisten die Filmmusik. Im Anschluss an die Filmvorführung wurde das Tanzspiel „Die Serenade“ aufgeführt. Und zum Abschluss folgte ein Kostümball, der von der Filmprominenz Berlins, wie Ernst Lubitsch, Richard Oswald u.a. besucht wurde.

Dennoch weigerte sich die UFA, den Film ins Programm aufzunehmen. „Den Verleihern“ sei die Vampirthematik „so abstoßend erschienen, dass sie es ablehnten, den Film für den Vertrieb zu erwerben“ (Schweizer Zeitschrift „Cinema). Der Film wurde daraufhin nicht in den großen Lichtspielhäusern, sondern nur in den wenigen kleinen und unabhängigen Kinos gezeigt. So konnten die immensen Produktions- und Werbekosten nicht wieder eingespielt werden. Noch im August 1922 wurde das Konkursverfahren gegen die, erst 1921 gegründete, Prana-Film eröffnet und der Film wurde gepfändet. „Nosferatu- Eine Symphonie des Graues“ sollte das einzige Werk der Filmproduktionsfirma bleiben.

Gleichzeitig gab es noch einen anderen Grund für den Misserfolg. Es kam zu einem Urheberrechtsstreit. Albin Grau und Enrico Dieckmann, die Gründer der Prana-Film, hatten die Handlung stark an den Roman „Dracula“ (1897)von Bram Stoker angelehnt, ohne jemals die Filmrechte zu erwerben. Zwar hatte Drehbuchautor Henrik Galeen den Handlungsort und die Namen der Figuren verändert, die ursprüngliche Geschichte blieb aber doch erkennbar. Daraufhin ging die Witwe Stokers gegen die Urheberrechtsverletzung vor. Im Jahr der Uraufführung trat sie der British Incorporate Society of Authors bei und ließ den Rechtsnachfolgern der Prana-Film eine Klageschrift zukommen. Schlussendlich entschied das Berliner Gericht in letzter Instanz, dass das komplette Filmmaterial, inklusive aller Kopien vernichtet werden sollte. Doch trotz der Bemühungen von Florence Stoker wurden nicht alle Kopien vernichtet. Durch den Verkauf ins Ausland, existierten dort noch einige Versionen des Filmklassikers. Und nur dadurch ist uns eines der größten Werke der Kinogeschichte erhalten geblieben. Es leben die Untoten!

k.n.

 

Nosferatu – eine Symphonie des Grauens

Stummfilm, Deutschland 1922, ARD Regie: F. W. Murnau, Drehbuch: Henrik Galeen, Kamera: F. A. Wagner, Günther Krampf, Musik: Hans Erdmann, Produktion: Jofa-Atelier Berlin-Johannisthal, Produzent: Enrico Dieckmann, Albin Grau Mit: Max Schreck (Graf Orlok), Gustav von Wangenheim (Hutter), Greta Schröder (Ellen, Hutters Frau), Alexander Granach (Knock, ein Häusermakler), Georg H. Schnell (Westenra, Hutters Freund), Ruth Landshoff (Lucy, Westenras Frau)

Zum Weiterstöbern
https://de.wikipedia.org/wiki/Nosferatu_%E2%80%93_Eine_Symphonie_des_Grauens
http://www.zauberspiegel-online.de/index.php/die-rezensionen
http://nosferatumovie.com/