Regisseur Constantin Maier

14.01.2016

„Für mich ist Film alles“

regisseur_fotoConstantin Maier kommt aus Hannover. Dort studiert er in der Filmklasse im Studiengang Mediendesign an der Hochschule Hannover. Obwohl er gerade erst 24 Jahre alt ist, hat er bereits viele Kurzfilme realisiert und in jüngerer Zeit als Regisseur seinen ersten Spielfilm, „Ein Abend Ewigkeit“, fertiggestellt. Der Kurzfilm „Augen Blick“ war 2011 für den Deutschen Nachwuchsfilmpreis nominiert und gewann im selben Jahr den „Camgaroo Award“ in der Kategorie „Emotion“.  Außerdem läuft aktuell sein Kurzfilm „Irgendwohin“ (Teaser) im Kurzfilmprogramm der „Nord Shorts“. Im Interview mit Filmclub Deutscher Film spricht Constantin Maier über die Faszination am Filmemachen, wie es ihm gelang, seine Werke zu produzieren, wie ein Leben als Filmstudent aussieht und welche Rolle das Thema „Sehnsucht“ für sein Schaffen spielt.

 
FILMCLUB: Bereits mit 11 Jahren hast du mit einem Freund zusammen dein erstes größeres Filmprojekt begonnen, einen Zeichentrickfilm, den ihr zwei Jahre später fertiggestellt habt. Wie kam es dazu, dass du ein solches Projekt schon so jung angefangen und tatsächlich vollendet hast?
CONSTANTIN MAIER: Ich glaube, als Kind ist man naiver. Ich habe immer schon mit Freunden kleine Filme, „Ein-Tages-Sachen“, gedreht. Damals war ich an Superhelden-Comics interessiert, ich habe viele Comics gezeichnet, und irgendwann habe ich mir gedacht, es wäre viel cooler, wenn man diese Figuren zum Leben erwecken könnte. Da habe ich mich mit Robert, das war einer meiner besten Freunde, zusammengesetzt. Dann haben wir uns ein „Die Drei ???“-Hörspiel genommen, weil wir keine Geschichte erfinden wollten, wir waren nur daran interessiert: Wie bekommt man diese Figuren dazu, sich zu bewegen? „Das kann ja nicht so lange dauern.“ (lacht) Das hat sich aber als ein bisschen länger herausgestellt. Aus heutiger Sicht war das ziemlich billig – damals fanden wir das aber cool, weil sich die Figuren wirklich bewegten, wenn man das am Computer zusammengesetzt hat. Das war so faszinierend zu sehen, dass das klappt, irgendwie hat die Faszination daran dazu geführt, das durchzuhalten. Das ist eigentlich immer noch eine Sache, die mich am Filme machen fasziniert: dieses Rumbasteln an einer Sache, Dinge hin und her schieben und ja, rumtricksen auf eine gewisse Weise.

 
Wolltest du deswegen Filmemacher werden?
Ich weiß nicht, ich habe das nicht hinterfragt. Irgendwie hat sich das dann so entwickelt. Wir haben danach weiter Filme gemacht. Dann habe ich mich mehr mit Kamera auseinandergesetzt, mit visuellen Effekten am PC, mit Drehbuch und Regie. Deswegen war für mich nie klar, ob ich Regisseur werden will oder nicht, weil ich so viele Bereiche gemacht habe, die mich interessierten. Und jetzt studiere ich das. Es hat sich für mich erst im Studium herauskristallisiert, dass ich sagen würde: Ich will Filmregisseur werden. Aber ich glaube, es gab nie diese bewusste Entscheidung, Filme zu machen. Vielleicht, weil es so früh angefangen hat. Ich kenne gar nichts anderes im Leben, was soll ich sonst machen? Es macht mir einfach unglaublich viel Spaß.

 
2011, in dem Jahr, wo du Abitur gemacht hast, hast du zusammen mit Robert Fischer den Kurzfilm „Augen Blick“ fertiggestellt, der ja auch mit einem Preis ausgezeichnet worden ist. Man könnte „Augen Blick“ in deinem Werk als weiteren Meilenstein bezeichnen. Was denkst du heute über diesen Film?
Sicherlich ist „Augen Blick“ der erste Film, wo ich sagen würde: Okay, er hat Mängel für mich heutzutage, aber das ist ein Film, den kann ich dennoch Leuten zeigen, der erste Film, der wirklich „zeigbar“ ist. „Augen Blick“ war eine schöne Produktion, wie ich sie seitdem leider nicht mehr gemacht habe, da waren ja nur Robert und ich. Eigentlich hat man jeden einzelnen Produktionsschritt selber gemacht, das dauert natürlich viel länger, aber ich möchte gerne mal wieder so einen Film machen, wo man minimalistisch im Team arbeitet und nicht gleichzeitig zwanzig, dreißig Leute zu koordinieren hat.

 

Einblick in die Produktion von „Augen Blick“:

 
In „Augen Blick“ geht es um Sehnsucht, ein Thema, dass dir auch in anderen Produktionen immer wieder wichtig ist. Auf einer Filmpremiere habt ihr diesen Film mit „Die Heimat der Sehnsucht ist die ständige Reise ins Unbekannte“ beschrieben. Warum habt ihr diese Worte für den Film gewählt und was bedeutet dir diese Aussage persönlich?
Für mich ist Sehnsucht eine komplett neuartige Qualität im Leben, die einen verändert, man wird irgendwo hingetrieben, macht bestimmte Erfahrungen und Erlebnisse. Diese Erlebnisse sind so neu und unbekannt, sie verändern die Lebensrealität und die Sichtweise auf die Welt. Ich glaube, das war bei „Augen Blick“ ganz wichtig: an diesem Sehnsuchtsort zu leben, dann zurückzukommen und neu auf die Dinge zu blicken. In diesem Film ist es ja so, dass alles nur im Kopf des Hauptdarstellers stattfindet, eigentlich findet dieser ganze Film nur in diesem einen Augenblick statt, in dem sich die beiden Protagonisten in die Augen blicken, aber so eine Sekunde kann alles verändern. Man kann in dieser einen Sekunde an einem ganz anderen Ort, auf einer ganz anderen Ebene sein.

 
Deinen ersten Spielfilm mit dem Titel „Ein Abend Ewigkeit“ hast du im März 2015 fertiggestellt. Ebenfalls ein Film zu einem phantasievollen, sehnsuchtsvollen Thema: in einer Kneipe begegnen sich Menschen aus verschiedenen Jahrhunderten und der Hauptdarsteller verliebt sich in eine Jazzsängerin aus den sechziger Jahren. Was hat dich an diesem Thema fasziniert?
In dem Film geht es stark um das Thema Vergänglichkeit. Der Großvater des Protagonisten stirbt am Anfang der Geschichte und weil er sich nicht mit der Vergänglichkeit der Welt und mit dem Tod auseinandersetzen kann und will, tut er gewissermaßen so, als wäre der Großvater nicht gestorben, er weigert sich, das anzunehmen. Er erbt den Schallplattenladen des Großvaters und anstatt ihn zu verkaufen, baut er ihn wieder auf und lebt das Leben des Großvaters nach als wäre er nicht gestorben. Für mich war damals eine solche Phase in meinem Leben… also, es ist jetzt niemand gestorben, aber es ist ein Mensch aus meinem Leben verschwunden. Das ist sicherlich eine Form der Verarbeitung davon, das war ganz stark ein Thema für mich, wieso es mich angetrieben hatte, das persönlich zu machen.

 

 
Zum anderen die Faszination für das Thema Zeitlosigkeit, zu der Zeit als solches, das klingt vielleicht sehr allgemein, aber ich finde das unglaublich spannend, auch welche Formen die Zeit für einen persönlich annehmen kann. Bei „Augen Blick“ geht es ja auch um einen Blick, der vielleicht nur zwei Sekunden lang ist, der aber in der gesamten Geschichte ganz lang ausgedehnt wird und hier ist es ebenfalls so, der Titel heißt ja auch „Ein Abend Ewigkeit“. Es geht ganz lange und ganz enorm nur um diesen einen Abend, der aber die Ewigkeit für die Hauptfigur bedeutet. Er findet dadurch Zuflucht aus dieser schnell sich verändernden, hektischen Welt, wo Dinge vergehen. Er findet diesen Zufluchtsort, der in sich vielleicht nur kurz ist, einen Abend, der aber für ihn eine Ewigkeit bedeutet und sein Leben auch danach beeinflusst. Das ist ein wichtiges Gefühl für mich, diese Zufluchtsorte in dieser hektischen Welt zu finden, die ebenfalls eine Art Ewigkeit bedeuten.

 
Wie ist es gelungen, diesen doch recht aufwändigen Film zu finanzieren?
Sponsoren zu gewinnen ist als Student wahrscheinlich einfacher, weil man sagen kann: „Ich bin Student und habe kein Geld“. Man hat ja wirklich kein Geld (lacht), es ist schön, dass einem Leute helfen, ich habe jedenfalls viel Hilfe von anderen Leuten erfahren können, was Sponsorings angeht, aber auch was Hilfe von professionellen Leuten angeht, die einfach so helfen, weil sie das Projekt spannend finden. Aber klar, dieser Film war so groß, dass wir einiges an Geld benötigten. Deshalb sind wir auch zur „nordmedia“ gegangen, die glücklicherweise bei uns auf dem Campus der Hochschule liegt.

 
Dieser Film wurde ja zum Teil durch Crowdfunding ermöglicht, was als Finanzierungsmöglichkeit von Projekten immer wieder diskutiert wird. Wie sind deine Erfahrungen damit?
Ich finde, das ist eine schöne Option, um zusätzlich Gelder zu einem Projekt dazu zu bekommen, das ist aber sicherlich keine Option, es als alleinige Quelle zu nutzen, wenn man ein ambitionierteres Projekt macht. Außer man hat schon eine sehr starke Fanbase. Man darf nicht unterschätzen, wieviel Arbeit man reinstecken muss, für Marketing, Leute aufmerksam machen (Video), Status Updates usw. Bei uns war von Vorteil, als wir das Crowdfunding (Website) gestartet haben, dass wir dann schon recht viele Leute im Team hatten, so um die zwanzig, dreißig, dadurch kam dann viel Mundpropaganda zustande.

 
Wie sahen die Arbeiten am Film konkret aus?
Bei dem Film haben wir 2012 in einem relativ großen Kreis an Leuten angefangen. Wir haben bei diesem Film auch recht früh drei Kostümbildnerinnen dazu geholt, weil es von den Inhalten her sehr stark ein Kostümfilm ist, ein Szenenbildner kam auch irgendwann dazu, mit der Zeit echt viele Leute. Natürlich hätte ich allein diesen Film niemals so machen können, das ist ganz klar.

 

 

Die Produktion zog sich insgesamt gut drei Jahre hin. Unser Thema war „Zeitlosigkeit“, aber es war noch nicht ganz klar, was wir daraus machen wollen. Wir sind dann relativ schnell auf diese Idee gekommen, die Kneipe von der Zeit loszulösen. Ursprünglich sollte das ein Kurzfilm werden, dann ist das immer riesiger geworden, mehr Gelder wurden verlangt. Nach einem halben Jahr sind wir in die Vorproduktion gegangen, Locations gesucht, Gelder gesucht, Schauspieler gesucht usw. Da sind ungefähr von Ideenfindung bis Dreh 1 ½ Jahre vergangen. Dann haben wir in einem verhältnismäßig großen Team 2013 einen Monat lang gedreht. Nach dem Dreh hatte ich ein wenig Zeit, um das Ganze zu verarbeiten, weil das schon ein ziemlicher Wahnsinn war. Dann die Postproduktion. Schnitt, der sich doch länger hingezogen hat, die Musik natürlich, da haben wir schon ziemlich lange mit dem Komponisten im Vorhinein gearbeitet, weil bestimmte Musikstücke bereits im Film zu hören sind, das heißt, wir mussten schon vor den Dreharbeiten etwas aufnehmen. Das war eine lange Arbeitsphase an der Musik, die wir auch hier in Hannover an der Musikhochschule aufgenommen haben, was ganz cool ist. Das war für mich das erste Mal, dass für einen meiner Filme live Musik aufgenommen worden ist. Dann die visuellen Effekte, auch wenn der Film nicht so auf Effekte ausgelegt ist, aber es war doch eine Menge Arbeit, sicherlich ein Dreivierteljahr. Dann Sounddesign, Mischung, Colorgrading usw., die parallel stattgefunden haben. Die Nachbearbeitung hat insgesamt 1 ½ Jahre verschlungen.

 

 
Wo kann man den Film sehen?
Ich hoffe, dass er auf ein paar Festivals laufen wird, das steht noch aus, weil das jetzt erst angefangen hat mit den ganzen Einreichungen und das braucht ja auch, bis sich die Jurys zurückmelden.

 
Kommt er irgendwann auch ins Kino?
Eigentlich bräuchte man erst einen Verleiher, der das ins Kino bringen würde, da habe ich die Hoffnung, dass ich einen auf einem Festival finden würde. So ist das zumindest häufiger bei Studentenproduktionen sage ich mal, bei einem Erstlingsfilm. Eine Festivalspanne dauert ungefähr zwei Jahre, solange kann man einen Film einreichen. Sollte es mit einem Verleiher nicht klappen, würde ich versuchen, ihn in einige regionale Kinos zu bekommen, da würde ich mich dann sozusagen selbst um den Verleih kümmern. Aber das kann noch ein bisschen dauern, bis die Festivalspanne durch ist, solange darf er nicht ins Kino, man will, dass er vorher nur auf Festivals läuft. Man könnte auch drüber nachdenken, ihn auf DVD zu verkaufen. Darüber würden wir dann auf unserer Facebook-Seite zum Film informieren.

 
Du hast ja nun einige Erfahrung sammeln können: Wie sieht aus deiner Sicht die Situation für junge Filmemacher allgemein aus?
Prinzipiell habe ich es immer als relativ positiv wahrgenommen, was wohl auch daran liegt, dass die Technik mittlerweile so erschwinglich geworden ist, dass man mit fast gar kein Geld schon relativ professionelle Filme machen kann. Rein ästhetisch kommt es nicht mehr drauf an, ob man Geld hat oder nicht, es kommt darauf an, ob man eine gute Geschichte erzählen kann und will. Das habe ich auf jeden Fall sehr genossen, auch weil die Möglichkeiten heutzutage, sich zu informieren und mit anderen Leuten in Kontakt zu treten, sehr leicht sind. Ich war viel in Internetforen unterwegs und habe mich mit Leuten ausgetauscht, die ich ansonsten nie kennengelernt hätte. Das Spannende ist, dass ich mittlerweile seit einigen Jahren sehr intensiv mit diesen Leuten zusammenarbeite, zum Beispiel mein Kameramann und Komponisten, das sind alles sehr alte Internetbekanntschaften von mir.

Zur Lage in Deutschland: Für mich kann ich es noch nicht ganz genau sagen, weil ich ja noch nicht „auf den Markt entlassen wurde“, auf dem ich mich behaupten muss und ich noch in dieser „Blase“ als Student lebe, in der ich mich bewegen kann. Ich habe das Studieren bisher als sehr, sehr positiv empfunden, als Spielwiese, auf der man alles machen kann. Aber was jetzt meine spätere Laufbahn angeht… ich weiß es nicht. Gerade wenn man in so einen Genre-Bereich hineinwill, in den Fantasy-Bereich, was mich interessiert, ist es nochmal schwierig. Dafür gibt es nicht viel Raum, nicht viele Möglichkeiten. Und wenn das hier in Deutschland nichts wird, ich bin ja auch so jemand: Für mich ist Film alles, dann gehe ich auch woanders hin.

 
Wir wünschen viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch.

 

– s.r.