Interview mit Museumsdirektor Bernd Desinger (Filmmuseum Düsseldorf) – Teil 2

„Kein anderes Medium hat die Kraft, so viele Menschen zu bewegen wie der Film.“

 

Ein Gespräch mit Bernd Desinger, dem Direktor des Filmmuseums Düsseldorf, über den deutschen Films  und seine Leidenschaft für das Kino.

 

FILMCLUB: Ihr Lieblings-Zitat über Film?

BERND DESINGER: Billy Wilder ist einmal gefragt worden: Was macht einen guten Film aus? Er hat dazu gesagt: Drei Dinge: Erstens ein gutes Drehbuch, zweitens ein gutes Drehbuch, drittens ein gutes Drehbuch.  Da ist etwas sehr Wahres dran – und das schätze ich als Zitat.

 

Haben Sie persönlich einen deutschen Lieblingsfilm?

Ich tue mich da unglaublich schwer zu antworten, denn, wenn ich einen nenne, würde ich zehn oder fünfzehn anderen unrecht tun. Dennoch, bei den expressionistischen Filmen würde ich vor allem „Caligari“,  „Metropolis und  „Die Nibelungen nennen – vor dieser filmischen Leistung ziehe ich jedes Mal wieder meinen Hut. Außerdem liegt mir „M“ unglaublich am Herzen und natürlich die Filme von Georg Wilhelm Pabst.

Aber auch danach sind großartige Filme entstanden. Helmut Käutner „Unter den Brücken zum Beispiel.  Dann später ging es weiter mit Leuten wie Schlöndorff oder Werner Herzog  „Aguirre – der Zorn Gottes“. Es hat über die Jahre im deutschen Film immer wieder Sachen gegeben, die ganz fantastisch waren.

 

Und Sie haben selber auch einen Film gemacht?

Ich war auf verschiedenen Ebenen in (Film)Produktionen involviert. In meiner Zeit am Goethe-Institut, habe ich in der Zentrale für die Bereiche Film und Fernsehen gearbeitet. Dort habe ich viele Filme kommissioniert und als Redakteur habe ich auch Co-Produktionen mit auf den Weg gebracht.

 

Verändert es den Blick auf Filme, wenn man an Produktionen mit gearbeitet hat?

Natürlich, denn ich kenne beide Seiten. Die rezeptive Seite kenne ich als Cineast und Kinokenner sehr gut, aber ich kenne auch die Produktionsseite. Ich weiß, wie es am Set aussieht und welche Sorgen, Probleme und Nöte Leute haben, die einen Film machen. Vom Regisseur über die Schauspieler und bis zu Produzenten. Ich habe großen Respekt vor jedem Film, der fertiggestellt ist und den man tatsächlich sehen kann.

Es gibt keinen leichteren Job, als den des Kritikers. Die Dinge in der Luft zu zerreißen ist einfach. Kritiker wissen oft nicht, was es für eine gigantische Arbeitsleistung ist einen Film zu machen.

 

Ist es in den USA einfacher einen Film zu produzieren, als hier in Deutschland?

Nein, ich würde nicht sagen, dass es in den USA einfacher ist. Junge Filmemacher die in den USA an den Start gehen wollen, haben es dort ungleich schwerer als hier in Deutschland. Deutschland bietet mit dem Filmförderungs-System eine fast einzigartige Sache, die so ähnlich nur noch in Kanada und Frankreich zu finden ist. In Deutschland besteht generell die Schwierigkeit private Förderer zu gewinnen. Es können über die Filmhochschule erste Kontakte geknüpft werden zu Leuten, aus dem gleichen Jahrgang, die entsprechende Verbindungen haben. In Amerika geht es immer darum Privatmittelgeber zu finden.

 

Deutschland war einmal eine Großmacht im Bereich Film. Das ist ja heute nicht mehr so, trotz Förderung, auch wenn sich das in letzter Zeit etwas geändert hat.

Ja, der deutsche Film ist national, wie international wieder stärker geworden. Es kommen wieder tolle Sachen raus, wie „Das Leben der Anderen“. Und es gab in Deutschland immer wieder Regisseure, die tolle Sachen machen oder gemacht haben, wie Wim Wenders und Werner Herzog oder in der jüngeren Generation, Tykwer und Petzold.

Aber die Breite und das Renommee, die wir bis in die 1930er Jahre hatten, haben wir heutzutage nicht mehr. Der deutsche Film hat sich bis heute nicht von dem Weggang der genialen deutschen Filmmacher erholt. Das ist eine der entsetzlichen Folgen der Naziherrschaft.

 

Würden Sie sagen, wenn es den 2. Weltkrieg nicht gegeben hätte, dass im Prinzip Deutschland das moderne Hollywood wäre? Könnte man das so sagen?

Das könnte ich mir sehr gut vorstellen. Wir hatten hier in Deutschland eine so starke Grundlage mit großartigen, kreativen und gleichzeitig geschäftstüchtigen Menschen. Wenn die hier geblieben wären, wäre die deutsche Filmindustrie sicher auch zu einer beachtlichen Größe angewachsen.

 

In diesem Zusammenhang habe ich öfter von jungen Drehbuchautoren gehört, dass es schwierig ist neue Themen und Ideen unterzubringen. Am leichtesten scheint es, für den Tatort zu schreiben, dann hat man eine Lebensgrundlage.

Ja, leider ist es für Drehbuchautoren weitaus schwerer sich eine gute Lebensgrundlage zu schaffen, als für Regisseure oder Schauspieler. Wenn es zur Preisverleihung kommt, dann geht es praktisch immer um beste Regie und beste Darsteller. Aber dass es den ganzen Film ohne ein gutes Drehbuch gar nicht erst geben würde  –  das wird meistens vergessen.

 

Wie sieht es mit Crowdfunding aus? Das ist ja auch eine Möglichkeit, die man in diesem Bereich hat.

Das stimmt. Es gibt eine ganze Reihe von Filmen, die jetzt auch schon mit Crowdfunding finanziert wurden. Aber manchmal haut es auch nicht hin. Ich will da keine Namen nennen, aber ich habe gerade wieder von einem Projekt gehört, wo es dann doch nicht gereicht hat. Und die mussten dann das ganze Geld wieder zurückzahlen.

 

Würden Sie sagen der Film ist auch eine Schule des Lebens?

Ja, absolut. Der Film ist auch so erfolgreich, weil er in unvergleichbarer Weise  das menschliche Leben, die Geistes- und Gefühlszustände, das Leiden und die Freuden transportiert. Über die Verbildlichung  und den Schauspieler erschließen sich Sachverhalte, Geschichten und Emotionen so viel leichter und angenehmer, als mit jedem anderen Medium. Und das geht über politische und religiöse Grenzen hinweg, weil es immer um das zutiefst menschliche geht, das doch im Wesentlichen weltweit gleich ist.

 

Also kann man mit dem Kino die Welt verändern?

Das haben Filmemacher gehofft, seit es das Medium Film gibt. Speziell in den 1960er und 1970er Jahren gab es  die Hoffnung mit dem Film die Welt verändern zu können. In dieser Zeit hatte Film eine ganz andere politische Relevanz als heute. Man ging in die Filme und hat über die Aussagen der Regisseure gesprochen und diskutiert. Aber auch damals hat das Kino trotz dieser politische Macht, so viel im weltpolitischen Ganzen auch nicht verändert.

Dennoch sehe ich den Film als einen Beitrag zur internationalen Verständigung. Einem Großteil der Filme liegt ein positives Menschenbild zugrunde und sie helfen, uns als eine große (menschliche) Kulturgemeinschaft zu verstehen. Und da ist der Film sicher eins der stärksten Medien. Kein anderes Medium hat die Kraft, so viele Menschen zu erreichen und zu bewegen wie der Film.

 

k.n.